Das Sabbatjahr beginnt

Gestern Abend hat nach dem jüdischen Kalender das Jahr 5782 begonnen. Es ist ein Sabbatjahr. Irgendwie hat auch mein eigenes Sabbatical erst gestern Abend so richtig begonnen, als ich am Lac du Saint-Agnan saß und auf Twitter die Neujahrsgrüße der Jüdischen Allgemeinen las.

Lac de Saint-Agnan 2021
Blick auf den Lac de Saint-Agnan im Burgund

Das Gebot des Sabbatjahrs hat mich immer fasziniert. Es ist einer der Gründe, warum ich mir nun selber ein Sabbatjahr gönne — auch wenn es eine rein individuelle Lösung ist, die mit dem biblischen Sabbatjahr nur wenig zu tun hat. Denn das war eine soziale Angelegenheit im doppelten Wortsinn. Das Sabbatjahr ging die gesamte Gesellschaft an und zielte auf die Überwindung sozialer Ungleichheit. Das Buch Exodus ergänzt das Gebot, das Land im siebten Jahr „brach liegen zu lassen und nicht zu bestellen“ um folgende Weisung:

Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. (Ex 23,11)

Die Fassung im Buch Deutwronomium geht noch weiter. Dort heißt es:

Und so lautet eine Bestimmung für die Brache: Jeder Gläubiger soll den Teil seines Vermögens, den er einem andern unter Personalhaftung als Darlehen gegeben hat, brachliegen lassen. Er soll gegen den andern, falls dieser sein Bruder ist, nicht mit Zwang vorgehen; denn er hat die Brache für den Herrn verkündet. (Dtn 15,2)

Das Gebot der Brache im Sabbatjahr richtet sich in gleicher Weise gegen die Ausbeutung von Natur und Mensch. Es adressiert damit die großen Herausforderungen unserer Zeit: die ungebremste Ausbeutung der Natur, die zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen führt, was wir an den Folgen des Klimawandels immer deutlicher erfahren , und die wachsende soziale Ungleichheit, die vor allem durch die Finanzmärkte vorangetrieben wird.

Mein eigenes Sabbatical erfahre ich dagegen eher als Privileg. Ich kann es mir leisten, weil ich genug verdiene, um es „anzusparen“, und weil ich in einer Ogranisation arbeite, die eine Betriebsvereinbarung dazu hat. Hoch lebe die Mitbestimmung!

Aber warum nicht das Sabbatjahr als kollektive Angelegenheit wiederbeleben? Als Recht für jede und jeden, alle sieben Jahre für ein Jahr eine Auszeit zu nehmen? Als Regel für die Schonung unserer natürlichen Lebensgrundlagen? Als Gebot, gegen die fortschreitende Konzentration der Vermögen einzuschreiten und die Finanzmärkte wirksam zu regulieren?

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