Old and New Dreams beim New Jazz Festival Moers 1980

Heute vor genau vierzig Jahren, am 23. Mai 1980, war ich zum ersten Mal beim New Jazz Festival in Moers. Es war das erste Mal überhaupt, dass ich live Jazz hörte.

New Jazz Festival Moers 1980 Als Schüler eines Moerser Gymnasiums war es kein Wunder, dass ich mich für das Jazz Festival interessierte. 1979 habe ich es am Radio verfolgt und später die Aufzeichnungen, die der WDR das Jahr über in seinem Nachtprogramm sendete, mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. Ein Stück hat es mir besonders angetan: Chico Freemans Lllas, das er auch bei seinem Auftritt am 1. Juni 1979 in Moers spielte. Ich habe dieses Stück eine Zeit lang fast jede Nacht angehört. Manchmal denke ich, dass ich von der Energie, die ich damals aus diesem Stück gezogen habe, immer noch zehre. Der intensive Wechsel von Spannung und Entspannung, Dissonanz und Harmonie, Kraft und Leichtigkeit - der kam in der Live-Aufnahme noch viel mehr zur Geltung. Wenn ich heute das Line-up lese, glaube ich, dass „Famoudou“ Don Moye am Schlagzeug einen großen Anteil daran hatte, dass mir das Stück so gut gefiel.

1980 habe ich mir dann eine Festivalkarte gekauft. Die 60 DM waren für mich als Schüler eine Menge Geld. Deshalb wollte ich so viel mitnehmen, wie ich konnte, und bin am Freitagnachmittag gleich zum Auftaktkonzert gegangen. Mit den ersten beiden Gigs konnte ich nicht viel anfangen. Die Musik wirkte irgendwie abstrakt und seelenlos.

Dann aber kamen Old and New Dreams, eine Formation aus vier Musikern, die im Programm als Weggefährten Ornette Colemans angekündigt waren, von denen drei 1960 an dem wegweisenden Album Free Jazz mitgewirkt hatten. Dementsprechend alt kamen mir diese Musiker auch vor. Aber ihre Musik begeisterte mich sofort. Ich erinnere mich an dieses Konzert als sei es gestern gewesen.

Sie begannen mit zwei Kompositionen von Ornette Coleman. Schon das erste Stück fegte mit seiner Dynamik und seinem pulsierenden Rhythmus alles aus meinem Kopf, was ich an diesem Abend vorher gehört hatte. Beim zweiten Stück, Lonely Woman, tauchte ich ganz in die Musik ein (was mir leider viel zu selten passiert). Vor allem das Spiel des Bassisten Charlie Haden faszinierte mich. Er leitet das Stück ein und unterlegt danach die Soli der Bläser mit einem dichten Klanggewebe, das trotz des ruhigen Tempos sehr perkussiv wirkt. Anschließend hat er selbst ein Solo, das aus dem Grundthema des Stückes immer neue melodische, harmonische und rhythmische Strukturen entwickelt, bevor alle Musiker das Thema kurz aufgreifen und das Stück beenden. Es gibt einen Moment der Stille, bevor der Applaus losbricht. Bis heute ist für mich Lonely Woman eine der schönsten Jazz-Kompositionen überhaupt.

Das nun folgende Rush Hour setzt mit seiner Hektik und Dissonanz einen klaren Kontrast. Hier tritt zum ersten Mal das Können des Schlagzeugers Ed Blackwell in den Vordergrund. Und mir wird bewusst, wie wichtig er schon vorher dafür war, dass diese Musik mich sofort gepackt hat.

Dann folgt der Auftritt von Don Cherry. Er schlägt ein paar Akkorde auf dem Klavier an und leitet damit eine Art Medley von drei Stücken ein, die schon von ihrem Namen her auf Afrika verweisen: Mopti, Togo und Guinea. Mit dem Klavier und seiner Stimme leitet Don Cherry von einem Stück auf das andere über und sorgt dafür, dass die Stücke eine Einheit bilden. Bei diesen afrikanisch inspirierten Stücken zeigt sich noch deutlicher, dass Ed Blackwell polyrhythmisch spielt. Die Rhythmen, die in der afrikanischen Musik durch das Zusammenspiel vieler Musiker entstehen, spielt er allein auf seinem Schlagzeug. In den Soli wechselt er nicht einfach die Rhythmen, sondern spielt über dem durchgehenden Grund-Beat eine Vielzahl anderer Rhythmen.

Mit Open or Close kehrt das Quartett zu Coleman zurück Nach einem sehr schönen Saxophon-Solo von Dewey Redman spielt Charlie Haden ein weiteres Solo, das diesmal einen anderen Charakter hat als sein Solo in Lonely Women. In einem gleichmäßigen pulsierenden Rhythmus steigert es allmählich durch einen Wechsel der Harmonien die Intensität.

Den Abschluss bildet Charlie Hadens Song for the Whales. Das Stück geht von der Grundidee aus, den Gesang der Wale zu imitieren, und überführt sie in in ein einfaches musikalisches Thema, das schließlich in ein Bass-Solo mündet, mit dem Charlie Haden beide Elemente miteinander verbindet.

Ich weiß nicht mehr, ob ich danach nach Hause gegangen bin, weil ich dachte, besser kann es nicht werde (oder weil ich zu bestimmten Uhrzeit zu Hause sein musste). Aber an den anschließenden Auftritt des Art Ensemble of Chicago kann ich mich nicht mehr erinnern – und das, obwohl dieses Ensemble später einer meiner Lieblingsgruppen wurde.

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